Boxen und Thai-Boxen für den Jiu-Jitsu-ka

Willkommen in der bunten Welt des mexikanischen und kubanischen Boxsports, den ich in Los Angeles (USA) und Havanna (Kuba) kennenlernen durfte. Als ich in Los Angeles erstmals eines der bekanntesten Box-Gyms betrat, wusste ich, dass ich an diesem Ort sicherlich eine ganze Weile verbringen würde, denn man spürte, dass hier echte Boxprofis arbeiteten und man einiges mit nach Hause nehmen konnte.

Das «mexikanische Boxen» und das «Thai-Boxen» (Muay Thai) gehören zu den aggressivsten Schlagkampfsportarten der Welt. Sie unterscheiden sich jedoch grundlegend in ihren «Waffen», Stellungen und spezifischen Strategien. Mexikanisches Boxen ist ein spezialisierter, unerbittlicher Stil des westlichen Boxens, während Thai-Boxen eine Kampfkunst ist, bei der alle Gliedmassen zum Einsatz kommen. Thai-Boxen ist auch als «Kunst der acht Gliedmassen» bekannt. In anderen Gebieten, wie Kambodscha und Myanmar, ist diese Kunst der «neun Waffen» bekannt, da der Einsatz des Kopfstosses erlaubt ist (Leithwei, das burmesische Boxen, Kun Khmer etc.).

Für mich waren (und sind auch heute noch) Kampfkünste in erster Linie kein «Sport», sondern ein Lebensinhalt, ein Weg, um sich zu bessern, an sich zu arbeiten und sich sicherer zu fühlen. Für mich stand immer die Selbstverteidigung im Vordergrund, nicht das Gewinnen von Medaillen und erreichen von Gürtel. Ich lernte das Boxen kennen, als mein Vater Vito uns mitten in der Nacht aus den Betten holte, weil im Fernsehen – dass teilweise noch anfangs Schwarzweiss war) gerade ein Kampf aus den USA gezeigt wurde. Er liebte das Boxen, für ihn gab es keine andere Kampfkunst.

Als ich später unter Ajarn Surachai Sirisute in Santa Monica mit dem Muay-Thai-Boxen begann, wurde auch das westliche Boxen zu einem grossen Thema an der damaligen Vacirca Academy in Zürich. Ajarn Chai legte sehr viel Wert auf gutes Boxen. Oft erzählte er mir, wie schwierig die Anfangszeiten waren, als er seinen Thaiboxkollegen in Bangkok das westliche Boxen beibringen wollte. Diese meinten zu ihm: «Das brauchen wir nicht, wir haben unsere Ellenbogen- und Kniestoss-Techniken!» Ajarn hingegen verlangte von uns, auch eine gute Basis mit unseren Fäusten zu haben.

Doch bald stellten wir uns die Frage, welchen Boxstil wir eher aufnehmen würden, denn jeder andere Boxclub, den ich besuchte, hatte Ähnliches und doch auch wieder sehr Unterschiedliches anzubieten. Es begann mit einem einfachen Jab und Cross, das oft als «One-Two» (Englisch für «Eins-Zwei») bezeichnet wird. Meiner bescheidenen Meinung nach liegt der «Hauptunterschied» zwischen dem mexikanischen und dem westlichen Boxstil, insbesondere dem amerikanischen oder europäischen, in der Philosophie von «Angriff versus Verteidigung» und der Distanz zum Gegner.

Ich möchte nun nicht zu tief in diese Materie eingehen, aber um euch meine Sicht der Dinge zu vermitteln, möchte ich euch meine Eindrücke mitgeben: eines der primären Ziele ist es, den Gegner durch unermüdlichen Druck und Kraft festzunageln. Man sagt auch oft: «Hit and don’t get hit» (Treffe und werde nicht getroffen).

Meine bevorzugte Distanz ist dabei der «Infight» (Nahkampf). Hier spielt die Beinarbeit eine sehr wichtige Rolle, um die Distanz zum Gegner zu halten. Abwärtshaken, Aufwärtshaken etc. ermöglichen schnelles und sicheres Kontern mit Kombinationen zu Kopf und Körper. In der Defensive nutzt man eine kompakte Deckung und flinke Beinarbeit. Dabei nimmt man Treffer in Kauf, um selbst härter beim Gegner zu landen. Die sogenannten «Shoulder-Rolls», die selbst Bruce Lee in seinem JKD verwendete, sind ein wichtiges Tool, um am Gegner zu bleiben.

Ich verwende dabei ein eher aggressives Vorwärtsgehen, das oft als «Machismo» der Latinos angesehen wird. Ich liebe es, den Gegner unter Druck zu setzen und den Kampf mit Druck zu beenden. Das mache ich in meinem Jiu-Jitsu nicht anders. Ich halte nichts von «Kuschelrunden», sondern bin der Meinung, dass man einen Kampf schnell und sicher beenden sollte.

Deshalb gelangte ich am Ende auch zu meinen mexikanischen Boxfreunden in Los Angeles. Später besuchte ich mit Carlos, einem meiner früheren Boxtrainer aus der Schweiz, sein Heimatland Kuba. Dort unterrichtete ich Jiu-Jitsu und durfte gleichzeitig eine gute Zeit bei einem Top-Boxtrainer verbringen und auch diesen Boxstil schätzen lernen.

Die «Guts and Grit»-Mentalität

Der mexikanische Stil ist grundsätzlich für seine «Guts and Grit»-Mentalität bekannt. Der Boxer lernt, den Gegner durch ständigen Druck und unorthodoxe Boxschläge sowie unkonventionelle Beinarbeit zu brechen und den richtigen Winkel für Power-Punches zu finden. Mit «Guts and Grit» ist die mexikanische Art des Boxens gemeint, eine Kombination aus Mut, Härte und Entschlossenheit:

«Guts» (Mut/Eier) steht für die Bereitschaft, ein hohes Risiko einzugehen. Der Boxer weicht nicht einfach zurück, sondern schlägt auch beim Rückzug weiter gegen den Gegner.

«Grit» (Biss/Entschlossenheit) ist die Fähigkeit, Schmerz und Erschöpfung über einen langen Zeitraum zu ertragen und den Gegner durch mentale und physische Ausdauer und Härte zu brechen, auch wenn die eigene Technik unterlegen ist.

Um «Grit» zu entwickeln, hat jeder mexikanische Box-Coach seine eigenen Trainingsmethoden, die sich aber oft ähneln. Am Ende ist es jedoch eine Kombination aus körperlicher Belastung und mentalem Stress. Ein Beispiel ist der «Pocket Drill»: hier stehen beide Boxer sich gegenüber und dürfen nicht zurückweichen. Drei Minuten lang werden kurze Haken zum Körper ausgetauscht. Dabei versucht man, den psychischen Druck zu ertragen, während man ständig getroffen wird.

Mit «Pocket» ist die Zone innerhalb der Schlagdistanz beider Kämpfer gemeint. Ich habe auch Drills gesehen, bei denen ein grosser Truck-Reifen (oder eine andere Markierung) am Boden liegt und die Boxer jeweils einen Fuss darin haben. So können die Boxer um das Rad laufen, ohne die Distanz zu verändern.

So kommen die sogenannten «Slip and Roll»-Drills zum Einsatz. Mit «Slipping» ist das seitliche Ausweichen und mit «Rolling» das Abtauchen oder Wegrollen mit der Schulter gemeint. Der Hauptfokus liegt auf kurzen Schlägen wie Haken zum Körper (Body Hooks) und Aufwärtshaken (Uppercuts).

«Grit» bedeutet aber auch, sich mental vom Schmerz zu distanzieren. Der Coach verwendet dann oft Methoden, bei denen man als Boxer lernt, körperliche Erschöpfung als «neutrales» Signal wahrzunehmen statt als Signal zum Aufhören. Dabei lernt man, sich auf externe Ziele, beispielsweise den Kopf oder den Ellbogen des Gegners, zu konzentrieren.

Wie auch im Jiu-Jitsu spielt die Atemkontrolle unter Druck eine sehr wichtige Rolle. Der Coach provoziert einen, während man gezwungen ist, eine komplizierte Schrittkombination auszuführen. Dabei sollten wir als Boxer versuchen, das Ziel im Blick zu behalten und regelmässig, ruhig und tief durch die Nase zu atmen, um zu verhindern, dass das Gehirn in den Panikmodus schaltet.

>> mehr zu lesen in meinem neuen Buch – coming soon! 🙂

-Franco Vacirca

>> mehr über das Muay Thai Boxen an der Gracie Zuerich

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